Praxis für Prävention und integrative Therapie
nach Marianne Frostig
Günter Sander - Ergotherapie & Lerntherapie


Der humanistische Ansatz des Frostig-Konzepts
in der ergotherapeutischen Behandlung

Autor: Günter Sander (Ergotherapeut)

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Leitbild des Frostig-Konzepts

Das Frostig-Konzept ist auf der Grundlage der Humanistischen Psychologie entstanden und entspricht einem ganzheitlichen, interdisziplinären Ansatz zur Förderung der kindlichen Entwicklung und zur Therapie von Lernstörungen (vgl. Ch. Seidel 2004). Damit folgte M. Frostig einen wesentlich anderen Ansatz als andere ergotherapierelevanter Theoriebegründer, wie z.B. Jean Ayres mit der sensorischen Integrationstherapie. Die sensorische Integrationstherapie beruht auf entwicklungs-neurologischen Annahmen und geht davon aus, das Entwicklungs-, Lern- und Verhaltensstörungen auf "neurophysiologisch definierbaren" Defiziten bei der sensorischen Integration entstehen (vergleiche D. Karch und andere 2002).

Das humanistisch geprägte Leitbild M. Frostigs bei der Behandlung von lerngestörten Kindern ist in den letzten Jahren immer mehr zurückgedrängt worden. Klinische Leitbilder haben in der therapeutischen Ausrichtung eine zentrale Funktion eingenommen. Doch ist es nicht gerade in unserer Zeit wieder wichtig, die kindliche Entwicklung aus einer holistischen Sicht zu sehen, wie es die Humanistische Psychologie angeregt hat?

Aber was macht ein humanistisches Leitbild in der Therapie aus und wie sieht ein therapeutisches Vorgehen auf dieser Grundlage aus?


Grundlagen der humanistischen Psychologie

Das humanistische Weltbild geht vom Wert des Individuums aus und umfasst folgende Annahmen:

  • Der Mensch ist im Grunde gut.
  • Er ist fähig und bestrebt, sein Leben selbst zu bestimmen, ihm Sinn und Ziel zu geben.
  • Der Mensch ist eine ganzheitliche Einheit von Körper – Seele – Geist
  • Der Mensch zeichnet sich durch seine soziale und gesellschaftliche Bezogenheit aus.

Die humanistische Psychologie entstand in den späten 50er Jahren und hat ihre Wurzeln in der philosophischen Tradition der Phänomenologie, des Existenzialismus und des Humanismus.

Der phänomenologische Ansatz betont das individuelle Bezugssystem und die subjektive Sicht der Realität, deshalb bemühen sich humanistisch ausgerichtete Therapeuten die besondere Sichtweise der Welt des Patienten zu verstehen.

Der existenzialistische Ansatz konzentriert sich auf höhere geistige Prozesse, welche die aktuellen Erfahrungen interpretieren und den Menschen in die Lage versetzen, den alltäglichen Herausforderungen entweder gerecht zu werden oder von ihnen überwältigt zu werden.

Der humanistische Ansatz konzentriert sich darauf, das Leben angenehmer zu gestalten, also auf Verbesserung. Der humanistische Ansatz hebt die Fähigkeit jedes Menschen hervor, seine Möglichkeiten voll zu entfalten, um eine optimale Selbstverwirklichung zu erreichen.

Diesen drei Strömungen gemeinsam ist die Betonung des Einzelnen gegenüber dem Allgemeinen und dem Abstrakten (vgl. Zimbaedo, Gerrig, 2004 S623, 624).

Zu den bekanntesten Vertretern der Humanistischen Psychologie zählen Ch. Bühler, H.V. Murray, A. Maslow und C. Rogers. Gemeinsam mit anderen Theoretikern gründeten sie 1962 die "American Association of Humanistic Psychology". Diese Gesellschaft wollte die Bedingungen, welche ein erfülltes Leben möglich machen, erforschen und aufzeigen.

Diese Kerngedanken waren für verschiedene therapeutische Ansätze, wie Gestalttherapie, Transaktionsanalyse und themenzentrierte Interaktion, richtungweisend.


Die Bedeutung humanistischer Werte im Frostig-Konzept

Marianne Frostig war von diesem humanistischen Leitbild durchdrungen und sieht in ihrer humanistischen Haltung die Würde des Individuums als höchstes Gut. Ihrer Ansicht nach sollte die Erziehung, wie auch die Therapie, dem Kind helfen, seine persönliche Freiheit mit sozialer Verantwortung in Einklang zu bringen, indem sie im Kind ein tiefes Gefühl der Verbundenheit mit seiner Umwelt entwickelt (vgl. Frostig, Maslow 1978, S. 68).

Frostigs humanistische Haltung war geprägt von Charlotte Bühler. Diese schrieb 1979 über die Humanistische Psychologie: "Die wissenschaftlichen Aspekte ... sind es nicht, die der Humanistischen Psychologie Massen an Anhängern brachten ... , aber mein Eindruck ist, dass die Mehrheit der Menschen, die von der Humanistischen Psychologie angezogen wurden, eher einer Bewegung beigetreten sind, als einer Wissenschaft. Wegen ihrer Sensibilität gegenüber den von der traditionellen Psychologie negierten Bereichen ... , suchen viele Menschen in der Humanistischen Psychologie eine Lösung für die Probleme unserer Zeit: ein sinnvolles Leben zu leben und befriedigender Beziehungen zwischen Menschen in dieser Welt zu bilden ... , ein Verständnis für sich selbst und für seine Einstellungen zum menschlichen Leben, eine grundlegende Verbesserung von Einstellungen der Menschen zueinander. (Bühler 1979)

In ihrem Buch "Lernprobleme in der Schule" stimmt sie Lavaroni zu, der Zweifel hegt, ob die Gesellschaft überleben kann, wenn sich die Erziehung nicht ändert und statt materieller Werte und Wettbewerb humanistische Werte in den Vordergrund rückt. Frostig zitiert Lavaroni wie folgt: "Es muss noch mehr Wert auf Kooperation gelegt werden. Man wird die Entwicklung des Individuums mehr betonen müssen, um seine Möglichkeiten voll auszuschöpfen. Es wird immer wichtiger werden, alle Menschen zu mehr Offenheit und mehr bewusster Verantwortung gegenüber der Gesellschaft zu führen. Man wird Belohnungen, die in der Sache selbst liegen, dem Dienst am Nächsten und der Achtung der Verschiedenheiten, größere Bedeutung beimessen müssen." (Lavaroni in Frostig, Maslow 1978, S.69)

In einer humanistisch geprägten Therapie werden nicht nur Ziele in der sensomotorischen Entwicklung des Kindes verfolgt, sondern auch das Ziel, dem Kind die Fähigkeit zu geben, sich mit den Gefühlen und Werthaltungen anderer Menschen auseinanderzusetzen und diese respektvoll zu achten.

Diese Ziele sind, wie M. Frostig ausführt, in der Erziehung der Kinder nicht genügend betont. Doch wie kann ein Therapeut in einem so kleinen Ausschnitt der Lebenssituation des Kindes etwas in dieser Richtung bewirken?