Praxis für Prävention und integrative Therapie
nach Marianne Frostig
Günter Sander - Ergotherapie & Lerntherapie


Fachartikel erschienen in der Fachzeitschrift
Ergotherapie & Rehabilitation Ausgaben 08/2005 und 09/2005
Veröffentlichung hier mit freundlicher Genehmigung des Schulz-Kirchner Verlages

Das Marianne-Frostig-Konzept in der Ergotherapie

Autor: Günter Sander (Ergotherapeut)

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Teil I: Die "Frostig-Einstellung"

Das Marianne-Frostig-Konzept ist ein auf der Grundlage der humanistischen Psychologie entstandener ganzheitlicher Förderansatz für Kinder mit Lernstörungen. M. Frostig wollte mit ihrer Arbeit dazu beitragen, dass sich diese Kinder zu verantwortungsbewussten, produktiven und erfolgreichen Mitgliedern unserer Gesellschaft entwickeln können. Um dieses Ziel zu erreichen, werden nicht nur die kreativen Gestaltungskräfte der Kinder herausgefordert, sondern auch die ihrer Eltern, Pädagogen und Therapeuten.

Im Frostigkonzept werden Motorik, Sprache, Wahrnehmung, die höheren kognitiven Funktionen, die emotionale und die soziale Entwicklung im Entwicklungszusammenhang betrachtet. Entwicklung ist für M. Frostig eine Ausbildung von Zusammenhängen, von Ganzheiten oder Strukturen. Besondere Aufmerksamkeit hat Frostig der Wahrnehmungsaktivität geschenkt. Sie hat die hochintegrative Bedeutung der Wahrnehmung, besonders der visuellen Wahrnehmung, hervorgehoben und bezog sich dabei auf Ausführungen von Strauss und Kephardt. Diese formulierten: "Das Sehen ist der Kern unserer Wahrnehmungswelt. Der Organismus hat das Sehen für diese primäre Rolle ausgewählt, wegen seiner einzigartigen Effektivität und wegen seiner Fähigkeit, uns mehr Informationen schneller als jede andere Sinnesmodalität zu liefern." (Strauss und Kephardt in Lockowandt 1994 Band 2 Seite 29)

Die Ermittlung von Fähigkeiten und Defiziten sind Grundlage für die Ausarbeitung von Therapieplänen. Hierzu werden verschiedene Methoden wie Explorationsgespräche, Verhaltensbeobachtungen und der Einsatz gezielter, mehrdimensionaler und hypothesengeleiteter Prozessdiagnostik mit standardisierten Testverfahren verwendet.

Unter Miteinbeziehung der Vorgeschichte, medizinischer und pädagogischer Vorbefunde wird ein individualisierender Therapieansatz ausgearbeitet, welcher die Motivation und Begabungen oder Schwächen des Kindes besonders berücksichtigt.

Marianne Frostigs Biographie
Marianne Frostig wurde 1906 in Wien geboren. Ihr frühes Interesse für pädagogische und soziale Probleme bestimmte ihren beruflichen Werdegang.
Zuerst absolvierte sie eine Ausbildung als Rhythmiklehrerin. Danach heiratete sie den Psychiater Jacob Frostig, der bald nach der Heirat die Leitung einer psychiatrischen Klinik in Polen übernahm.
Marianne Frostig folgte ihrem Mann nach Polen und machte dort ihre Ausbildung als Beschäftigungs- und Arbeitstherapeutin. Bis 1937 leitete sie in Polen eine arbeitstherapeutische Rehabilitationsabteilung, welche nach den Erkenntnissen von Hermann Simon, dem Begründer der Arbeitstherapie, arbeitete.
1938 emigrierte das Ehepaar Frostig nach Nordamerika.
In der neuen Heimat begann ein neuer Lebensabschnitt. Neben der Erziehung ihrer beiden Kinder absolvierte Marianne Frostig eine Ausbildung zur Regel- und Sonderschullehrerin und rundete ihre Ausbildung mit dem Studium der Psychologie ab und Philosophie.
1947 gründete sie in Los Angeles die private "Marianne Frostig School of Education", welche später zu einem international anerkannten Zentrum zur integrativen Behandlung für emotional und lerngestörten Kindern ausgebaut wurde und dessen Leiterin sie bis 1972 war.
1985 verstarb sie auf einer Vortragsreise in Deutschland.
(vergleiche M. Wiedemann; Th. Grewe 2002)


Die Grundlagen des Konzepts

M. Frostig schrieb in einer Abhandlung über die "Hirnplastizität und Lernerfahrung": Es konnte nicht nur gezeigt werden, dass die Hirnentwicklung von solchen Faktoren wie Ernährung, Stimulierung, genügend Ruhe, dem Fehlen schädlicher Einflüsse und dem schwer fassbaren Konzept, für das der Begriff Liebe verwendet wird, abhängt, sondern wir kennen zumindest einige der spezifischen strukturellen und funktionalen Veränderungen, die im Gehirn während des Wachsens auftreten. (Frostig in Lockowandt 1994 Band 2 Seite 53;54)

Heute gehen wir davon aus, dass das Gehirn von Natur aus ein sich selbst organisierender und sich entwickelter Organismus ist. Noch im Mutterleib verlieren die Hirnzellen ihre Teilungsfähigkeit, so sind schon lange vor der Geburt alle Hirnnervenzellen vorhanden und im der weiteren Entwicklung kommt keine einzige mehr dazu. Das gesamte nachgeburtliche Hirnwachstum liegt in der Verknüpfung der einzelnen Hirnareale miteinander. Diesen Vorgang nennt man Dendritenverzweigung. Der Großteil dieser Verzweigungen bildet sich einzig und alleine durch die aktive Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Umwelt. Das Kind braucht Reize aus der Umwelt, mit denen es sich auseinandersetzen kann. So braucht es Licht und etwas zu sehen, damit sich die Zwischenverbindungen für die Verarbeitung der aufgenommenen Bilder ausbilden.

Das Kind muss sich bewegen, um die nötigen Grundlagen zu entwickeln, welche es zum Greifen, Sitzen, Krabbeln, Gehen usw. braucht. Das Auswachsen neuer Verbindungen entwickelt zusätzliche Möglichkeiten, Sinneseindrücke zu verarbeiten und darauf adäquat zu reagieren. Je mehr Nervenverbindungen ein Kind entwickelt, desto größer ist sein Lernvermögen. Ältere Kinder können nicht mehr so leicht neue Verbindungen in ihrem Gehirn aufbauen.

Es gibt sensible Phasen, in denen sich die Hirnreifung abspielt. Diese sensiblen Phasen sind für die einzelnen Sinnessysteme unterschiedlich. Beim Sehsystem scheint die sensible Phase ungefähr die ersten sechs Lebensjahre anzudauern; danach sind die Verschaltungen und die Feinabstimmungen aufgebaut. Beeinträchtigungen oder Verzögerungen der Entwicklung in diesem Bereich sind später schwer bis gar nicht mehr aufholbar. Für die Therapie bedeutet dies, dass sich Entwicklungsstörungen am effektivsten im Zeitraum der jeweils kritischen Phase günstig beeinflussen lassen.