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Rechtschreiben und Lesen
ist nie mein Ding gewesen
Störung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit
Wer hat eine Störung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit ?
Die Kultusministerkonferenz gab 1978 zu dieser Frage eine pragmatische Definition: "Schüler mit besonderen Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben." Neben dieser symptomorientierten Auslegung, gehen andere von einer meist angeborenen Entwicklungsstörung der Schreib- und Lesefähigkeit aus. (Rosenkötter 1998)
Allgemein kann man sagen: "Unter einer Lese- und Rechtschreibstörung versteht man eine ganz spezifische Schwäche beim Erlernen des Lesens und/oder Rechtschreibens bei (mindestens) durchschnittlicher Intelligenz". (vgl. Küspert 2005)
Die Störung kann sowohl eine angeborene, als auch eine perinatal erworbene Entwicklungsstörung sein.
Wie häufig ist eine Störung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit?
Die Zahlen in der Literatur schwanken zwischen 3% und 5% der Kinder und Jugendlichen. In Deutschland sind ca. 3 Millionen Menschen von einer Störung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit betroffen, davon ca. 200.000 Grundschulkinder. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen.
Was sind Ursachen einer Störung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit?
Für eine Störung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit werden sehr verschiedene Ursachen angenommen.
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Genetische Disposition
Familienuntersuchungen haben gezeigt, dass eine Störung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit familiär gehäuft auftritt (Schulte-Körne 2001). Die Rate der betroffenen Eltern und Geschwister liegt bei 40-50%; bei nahen Verwandten sogar bei 60% (Rosenkötter 1998).
Störung der auditiven Wahrnehmung und des auditiven Gedächtnisses
Neuere Forschungen haben ergeben, dass die Ursachen hauptsächlich im Bereich der auditiven Funktion der Sprache (Sprachwahrnehmungsstörung) und des auditiven Gedächtnisses liegen. Es wurde festgestellt, dass bei Kindern mit einer Störung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit die Fähigkeit lautliche Segmente der Sprache zu unterscheiden und im Gedächtnis zu speichern, gestört ist. Als Folgeerscheinung haben die Kinder Schwierigkeiten, den Buchstaben die entsprechenden Laute zuzuordnen und auch bei der auditiven Lautunterscheidung. Dies macht es den Kindern schwer, bis unmöglich, ähnlich klingende Worte wie
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Mund - Hund
Garten - Karten
Tisch - Fisch usw.
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zu unterscheiden. Es macht im Alltag jedoch einen beträchtlichen Unterschied, ob das Kind den Fisch oder den Tisch essen soll.
Störung der visuellen Wahrnehmung und des visuellen Gedächtnisses
Visuelle Wahrnehmungsstörungen sind im Vergleich zu auditiven Wahrnehmungsstörungen als Ursache einer Störung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit von geringerer Bedeutung. Jedoch ist der Einfluss von visuellen Wahrnehmungsdefiziten noch nicht vollständig erforscht. Betroffen sind die Leistungen der statischen Wahrnehmung, wie Wahrnehmungskonstanz und Figur-Grund-Unterscheidung, sowie die Leistungen der sequenziellen Wahrnehmung, das Erkennen der räumlichen Beziehung und die Figur-Grund-Unterscheidung.
Bedeutung von beeinflussenden Faktoren
Faktoren wie unzureichende elterliche Forderung, Erziehungsprobleme, Trennung oder Scheidung der Eltern, ungelöste Konflikte bei den Kindern oder niedriger sozialer Status haben keine ursächliche Funktion bei der Entstehung einer Störung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit. Doch gibt es auch Umgebungseinflüsse, die mit von entscheidender Bedeutung sind.
Diese sind:
- Lese-Rechtschreibprobleme bei den Eltern
- Unterstützung der Eltern bei den Hausaufgaben
- emotionale Unterstützung in Familie und Schule
Insgesamt kann man bei der Entstehung einer Störung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit von einem Zusammenwirken verschiedener Faktoren ausgehen.
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Entwicklung von Kindern mit einer Störung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit
Das Störbild bleibt meistens bis ins Erwachsenenalter erhalten. Es konnte festgestellt werden, dass Personen mit einer Störung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit
- in der Gruppe der akademischen Berufe deutlich weniger vertreten sind, obwohl die kognitiven Fähigkeiten vorhanden wären;
- in der Gruppe der Arbeitslosen deutlich mehr vertreten sind;
- ein geringeres Selbstwertgefühl haben;
- eine geringere Frustrationstoleranz aufweisen.
Ab wann kann eine Störung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit festgestellt werden?
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Früherkennung
Es gibt Auffälligkeiten im Vorschulalter, die einen Hinweis auf eine spätere Störung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit geben können:
- später Sprachbeginn ( 50 Wörter und 2-Wort-Sätze mit 2 Jahren)
- Fehlsprechen von bestimmten Lauten
- leicht ablenkbar
- Unsicherheit im Nachsingen einfacher Melodien
- Malen bereitet große Schwierigkeiten
- balanciert nicht gerne
- Schwächen in der motorischen Koordination
Mit dem Bielefelder Screening zur Früherkennung von Lese-Rechtschreibschwierigkeit (BISC) liegen gute Erfahrungen vor.
Hinweise für Eltern von Vorschulkindern
- Die Grundlagen für Lesen und Schreiben wird in der Vorschulzeit entwickelt.
- Die wichtigste Voraussetzung für Lesen und Schreiben ist die Fähigkeit des Kindes Reime und Silben zu erkennen
- Lange Krankheitsphasen können eine Ursache dafür sein, dass ihr Kind zu wenig Erfahrung mit der gesprochenen Sprache und ihrem Klang hat.
- Wenn ihr Kind Tätigkeiten wie Schneiden, Basteln oder Malen nicht gerne ausübt, sollte abgeklärt werden, ob eine feinmotorische oder visuelle Wahrnehmungsstörung zu Grunde liegt.
- Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung müssen unbedingt mit dem Kinderarzt besprochen werden.
(vgl. Küspert 2005)
Grundschule
Anzeichen für eine entstehende Störung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit zeigen sich schon in der ersten Hälfte des ersten Schuljahres. Die betroffenen Kinder haben Schwierigkeiten,
- gesprochene Wörter in einzelne Laute zu zerlegen;
- sich die Buchstaben-Laut-Zuordnung sicher einzuprägen;
- beim buchstabierenden Lesen die Buchstaben zu Wörtern verschmelzen zu lassen.
Gegen Ende des ersten Schuljahres sind standardisierte Testverfahren gut einsetzbar.
In Baden-Württemberg stellt die Klassenkonferenz fest, welcher Schüler erhebliche Minderleistungen im Lesen und/oder Rechtschreiben aufweist. Gutachten von außerschulischen Experten sind nicht erforderlich.
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Förderung zu Hause
Kinder mit einer Störung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit verfügen oft über ein wenig ausgeprägtes Selbstwertgefühl und brauchen, trotz schlechter Deutschnote, die Anerkennung der Eltern. Eine positive Eltern-Kind-Beziehung ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine gesunde Weiterentwicklung.
Ist die familiäre Situation entspannt und die Eltern haben ausreichend Zeit, konsequent über einen längeren Zeitraum mit ihrem Kind zu üben, können Eltern spezifische Fördermaßnahmen durchführen.
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Wörtertraining
20 - 30% aller Rechtschreibfehler entfallen auf nur 120 besonders häufig vorkommende Wörter (z.B. bloß, vielleicht, plötzlich usw.). Dies hat Wolfgang Menzel bei einer Analyse von Aufsätzen der Klassenstufe 2-10 festgestellt. Das Einüben dieser Wörter verspricht eine Fehlerminderung von bis zu 30%. Der Schulpsychologe Dr. Gero Tacke hat diese Wörterliste auf 100 Wörter reduziert und in einer Broschüre des Landesinstituts für Erziehung und Unterricht veröffentlicht. Das sinnvolle Einüben dieser 100 Wörter umfasst etwa einen Zeitraum von einem Schuljahr.
Groß- und Kleinschreibung
Ca. 25% der Rechtschreibfehler entfallen auf Groß- und Kleinschreibfehler. Mit dem Training der Groß- und Kleinschreibung lassen sich auch gute Erfolge erzielen. Dieses Training setzt grammatikalisches Wissen voraus und ist daher oft nur in Nachhilfe von geeigneten Personen durchführbar.
Trainingsmaßnahmen wie das Groß-Kleinschreibtraining, die auf das Erlernen von Rechtschreibregeln beruhen, sind erst ab der 3. Klasse sinnvoll.
Das Marburger Rechtschreibtraining
Dieses Trainingsprogramm eignet sich für Kinder der 3. Klasse bis zur 6. Klasse. Beim Durchführen dieses Trainings muss 2-3 Mal die Woche ca. 20 Minuten lang geübt werden.
Das Ziel ist es, die Kinder mit den Rechtschreibregeln vertraut zu machen. Das gesamte Programm erstreckt sich über 2 Jahre. Die Wirksamkeit des Programms ist in wissenschaftlichen Studien nachgewiesen.
Um den Erfolg der Förderung durch die Eltern zu gewährleisten und Trainingskrisen zu überstehen, ist eine systematische und regelmäßige Anleitung wichtig. Bei der Förderung ist darauf zu achten, dass Qualität vor Quantität kommt. Eine sinnvoll durchgeführte Förderung seitens der Eltern verbessert oft auch die Eltern-Kind-Interaktion und stärkt das Selbstwertgefühl der Kinder.
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Möglichkeiten und Grenzen der Förderung im Rahmen der Ergotherapie
Eine Störung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit ist keine Indikation für eine ergotherapeutische Behandlung. Jedoch bei Störungen der Wahrnehmungsentwicklung, vor allem auditiver und visueller Art, bei Störungen der Gedächtnisleistung und bei Störungen der intermodalen Verarbeitung ist Ergotherapie als kassenrelevantes Heilmittel zugelassen. Eine ergotherapeutische Behandlung bringt in der Regel erst auf längere Sicht Erfolge und nur, wenn eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern möglich ist.
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Therapeutische Möglichkeiten
Theoretische Grundlagen
Bei der Förderung von Kindern mit einer Störung der Lesefähigkeit kann man grundsätzlich zwei verschiedene Strategien unterscheiden.
1. Förderung der basalen Wahrnehmungsfunktion
Hierbei geht man davon aus, dass einer Störung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit spezifische Defizite in der Verarbeitung auditiver und visueller Reize zugrunde liegen. Bei der Förderung dieser Kinder wird versucht, diese Defizite nachzuentwickeln und somit die Voraussetzungen für das Erlernen von Lesen und Rechtschreiben zu verbessern. Dieser Ansatz ist sehr schriftsprachfern und kostspielig.
(vgl. http://www.kjp.uni-marburg.de)
2. Symptomspezifische Förderprogramme
Das symptomspezifische Training greift auf ein Modell des Schriftspracherwerbs zurück, das verschiedene Stufen dieses Entwicklungsprozesses beschreibt.

Die logographische Entwicklungsstufe gehört in den vorschulischen Lebensabschnitt des Kindes. Die Kinder haben bereits eine Vorstellung entwickelt, dass Wörter in Zeichen dargestellt werden können und erkennen bekannte Wörter am bildhaften Aussehen. (z.B. den eigenen Namen) Jedoch haben sie noch kein Wissen über die Buchstaben-Laut-Zuordnung.
Die alphabetische Entwicklungsstufe (phonetische Entwicklungsstufe) fängt mit der Einschulung an. Durch das Lernen der Buchstaben-Laut-Zuordnung wird das Kind in die Schriftsprache eingeführt. Das schriftliche Niederlegen ist auf dieser Stufe oft noch lautgetreu. Beim Lesen werden einzelne Buchstaben lautiert und diese dann zum Wort verschmolzen. In dieser Entwicklungsstufe befindet sich das Kind in den ersten beiden Grundschuljahren. Diese Stufe wird auch phonologische Entwicklungsstufe genannt.
Auf dieser Stufe werden Wahrnehmungsstörungen, Störungen der Gedächtnisleistung und intermodale Verarbeitungsstörungen deutlich und hier hat unser ergotherapeutischer Behandlungsansatz seine Fundamentierung.
In der orthographischen Entwicklungsstufe erwerben sich die Kinder Wissen über die Regelmäßigkeiten von Buchstabenfolgen und übergeordneten grammatikalischen und semantischen Strukturen. Mit diesem Entwicklungsschritt sind die Kinder in der Lage, Wörter als Ganzes zu lesen.
(vgl. http://www.kjp.uni-marburg.de)
Förderung auf der alphabetischen Entwicklungsstufe
Anhand der Literaturübersicht zeigt sich eine Übereinstimmung, dass Kinder mit einer Störung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit deutliche Schwächen im Bereich der phonologischen Bewusstheit haben. Für die Förderung solcher Kinder wird mit großem Konsens das Training der phonologischen Bewusstheit angeraten.
Die phonologische Bewusstheit bezeichnet die Fähigkeit, die lautlichen Strukturen der Schriftsprache zu erkennen und mit ihnen umzugehen.
Phonologische Bewusstheit beinhaltet u.a. folgende Fähigkeiten:

Entsprechend dieser Fähigkeiten werden in der Therapie folgende Teilbereiche trainiert:
- Lautanalyse (Zerlegen von Wörtern in Laute)
- Lautsynthese (Zusammenfügen von Lauten zu Wörtern)
- Lautdiskrimination (Lautunterscheidung)
- Silbengliederung
- Lautgedächtnis
Beim Üben kommt ein Lateraltrainer und Hochtontrainer zum Einsatz, die zusätzliche Stimulation erzeugen. Ein Hörtraining zuhause unterstützt das gesamte Programm. Dabei bekommt das Kind über einen Kopfhörer technisch veränderte Musik angeboten. Dieses Hörtraining soll das Kind 2 Monate lang täglich durchführen.
Neben der Förderung der phonologischen Bewusstheit gehört auch das Training von
- der Buchstaben-Laut-Zuordnung und
- der Förderung der Wortlesefähigkeit
zum Förderinhalt.
Förderung auf der orthographischen Entwicklungsstufe
Hier steht die Förderung der regelgeleiteten Rechtschreibung im Vordergrund. Bei Kindern der zweiten Klasse sind über 60% der Rechtschreibfehler Regelfehler. Das Ziel der Förderung ist hier die Vermittlung von Regelwissen, dies ist kein ergotherapeutischer Ansatz.
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Ausblick
Am Anfang einer gezielten Förderung sollte eine gezielte Analyse der individuellen Situation des Kindes stehen. Dazu gehört ein Überprüfen der derzeit praktizierten Hausaufgaben- und Übungssituation. Gerade beim Üben wird oft zu viel und zu wenig zielgerichtet geübt. Die Förderung eines Kindes mit einer Störung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit ist eine Langzeitaufgabe. Schulische Verbesserungen bei ausgeprägten Lese-Rechtschreibschwächen sind oft erst in einem Zeitraum von 2 - 4 Jahren sichtbar.
(vgl. Tacke 1998)
Literaturliste
Rosenkötter, Dr. Henning
Neuropsychologische Behandlung der Legasthenie
Weinheim: Psychologie Verlags Union, 1998
Rosenkötter, Dr. Henning
Auditive Wahrnehmungsstörungen
Stuttgart: Klett-Cotta, 2003
Schulte-Körne, Gerd; Deimel, Wolfgang; Bartling, Jürgen; Remschmidt, Helmut
Die Bedeutung der auditiven Wahrnehmung und der phonologischen Bewusstheit für die Lese-Rechtschreibschwäche
www.kjp.uni-marburg.de
Frith, U. in H. Rosenkötter
Auditive Wahrnehmungstörungen
Stuttgart: Klett-Cotta, 2003
Küspert, Dr. Petra
Neue Strategien gegen Legasthenie
Ratingen: Oberstebring Verlag GmbH 2005
Tacke, Dr. Gero
Lese-Rechtschreibschwäche Landesinstitut für Erziehung und Unterricht
Stuttgart 1998
Winkelmann, Dr. Walfried
Die Häufigkeit unterschiedlicher Störmuster bei Legasthenie unter besonderer Berücksichtigung von Defiziten im Bereich der Seh- und Hörverarbeitung
http: 77www.hypies.com 1993
Menzel, Wolfgang
Rechtschreibunterricht Praxis und Theorie
Seelze: Friedrich Verlag 1985
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